Und es begab sich… mein Weg zum Weihnachtsgefühl

Daniela Krisper ist seit vielen Jahren begeisterte Blasmusikerin und kann auf einen reichen Schatz an Erfahrungen und Anekdoten zurückgreifen. Am 24. Dezember zieht sie beim „Weihnachtsblasen“ musizierend von Haus zu Haus. Davon handelt ihre persönliche Weihnachtsgeschichte, die nun fortgesetzt wird.

Heute ist also Weihnachten; wunderbar, wenn Du vom Bett aus dem Fenster schaust: grüne Wiesen und Sonnenschein – nichts also mit dem Weihnachten, wie ich es aus meiner Kindheit kenne. Noch dazu unsanft vom Wecker um 07.15 Uhr aus dem Bett geholt, denn heute darf ich als Lehrling das erste Mal bei der Weihnachtsbläsergruppe der TK Dobl musikalisch mitwirken. Je mehr Gewandschichten ich mir anziehe, um schlussendlich fast wie das „Michelinmännchen“ auszusehen, desto mehr steigt auch doch meine Nervosität. Die anderen drei Kollegen sind doch „geprüfte“ Weihnachtsliedermusiker, gegen die Kälte affin und den zusätzlichen Anforderungen von Essen und Trinken gewachsen. Ich bin nicht nur der Lehrling, ich bin auch noch dazu weiblich und breche die letzte musikalische Männerbastion - das kann ein heiterer Tag werden.
Auf zum Treffpunkt im Musikheim, gemeinsames Einspielen und Überprüfung ob wohl jeder warm genug gekleidet ist, um den Tag ohne Frieren zu überstehen. Ein kurzer Blick auf den Terminplan: Hui, in der Zeit von 09.30 – 16.00 Uhr warten 12(!) musikalische Stationen auf uns – ob das mein Ansatz durchhält? Vorher noch rasch auf vor lauter Aufregung die Toilette und auf geht’s!
Um 09.25 Uhr bei der ersten Station angekommen rutscht mir vor lauter Aufregung und den Handschuhen meine Trompete aus der Hand und es tscheppert am Asphalt - frohe Weihnachten! Gott sei Dank ist nichts passiert. Erstes Stück „Fröhliche Weihnacht überall“ bei angenehmen Temperaturen, Sonnenschein und wunderbarer Fernsicht bis zur Teichalm auf der einen und zur Koralm mit der Goldhaube auf der anderen Seite. Beim zweiten Lied jault der Hund der dortigen Familie ein paar Takte mit, woraufhin er sofort ins Haus gebracht wird – mein Gedanke: Oje, spiel ich wirklich so schlecht?
Nach weiteren Weihnachtsliedern gibt es ein flüssiges, eher hochprozentiges Frühstück und für die Anwesenden die besten Wünsche für das Weihnachtsfest und das neue Jahr. Noch ein Abschlussstück und der Chef drängt, muss doch der Terminplan eingehalten werden. Ich noch mit Keks im Mund eile meinen Kollegen hinterher – der Tag könnte echt stressig werden.

 Fortsetzung des Artikels aus dem "Johann"...

09.56 Uhr raus aus dem Auto, die Leute warten bei Station Nummer zwei schon auf uns und freuen sich, dass wir da sind, und bemerken sofort, dass hier „eine Neue“ dabei ist. Volle Konzentration und mit „Weihnacht wie bist Du so schön“ grüßen wir die fröhlichen Menschen, welche uns nun zuhören.
Auch hier ist die Gastfreundlichkeit sehr groß und wir dürfen uns mit Tee aufwärmen. Doch der Chef pocht schon wieder auf den Zeitplan – eine „inoffizielle“ Station bei einer langjährigen Musikerkollegin wartet. Wie die Sternsinger schaffen wir diesen Weg zu Fuß und werden schon mit freudigem Lachen erwartet. Gerade mal drei Weihnachtslieder schaffen wir, die Zeit drängt wir müssen schon um 10.30 Uhr bei Station Nummer vier sein.
10.33 Uhr- oje, wir sind um drei Minuten zu spät. Hier erwarten uns viele Menschen und eine Cockerspanieldame - diesmal sollte es hoffentlich ohne Mitjaulen klappen. Schnell ein „Frohe Weichnachten“ in die Runde und schon wird losgespielt. Traditionell wird hier auch sehr gerne mitgesungen, also schnell die mitgebrachten Gesangstexte ausgeteilt und schon haben wir einen Weihnachtschor mit Bläserquartett. Wir möchten allen Anwesenden persönlich die Hände schütteln und Weihnachtswünsche aussprechen – den leckeren Orangenpunsch müssen wir in einem „Affentempo“ trinken, denn schon um 11.00 Uhr wartet die Station im Dorfpark beim Friedenslicht auf uns.
Das größte persönliche Problem mittlerweile ist nicht der Ansatz, sondern der immer stärker werdende Wunsch, eine Toilette zu finden. Gelächter seitens meiner männlichen Kollegen – ja, danke auch – es ist halt diesbezüglich als Frau nicht so einfach. Aber derzeit muss das Bedürfnis noch warten – „Fröhliche Weihnacht überall“ und seine anverwandten musikalischen Stücke wollen gespielt und von den Menschen gehört werden, um Weihnachten hörbar zu machen.
Zum ersten Mal erwische ich mich bei dem Gedanken: Wo ist eigentlich MEIN Weihnachtsgefühl bei all dem Zeitdruck?
Der „Andachtsjodler“ bringt mich wieder zurück auf den Weg der Vernunft – JA es ist ein schöner, erfahrungsreicher Tag und ich bin stolz, mit meinen Kollegen unterwegs sein zu dürfen. Und ganz ehrlich: Nach bereits 5 Stationen im Freien haben wir keine Stimmungs- und Intonationsprobleme - eigentlich perfekt!
Station sechs um 11.00 Uhr, ich darf endlich auf die Toilette – eine weihnachtliche Erleichterung, verbunden aber mit der zeitlichen Mahnung meiner Kollegen, den Zeitplan einzuhalten. Obwohl wir Mittag haben und die Sonne scheint, ist „Hohe Nacht der klaren Sterne“ eines meiner persönlichen Lieblingsweihnachtslieder. Aber ich fühle mich persönlich und musikalisch sehr wohl unter meinen Kollegen. Man merkt und hört, dass jeder von uns Freude am Musizieren hat und gerne den 24. Dezember opfert, um den Menschen musikalische Weihnachtsstimmung und Freude zu bringen.
Bei dieser Station freut sich auch mein Magen, wir bekommen eine leckere Jause und einfach nur Leitungswasser für mich. Es bleiben 15 Minuten zum Auszurasten und einfach nur Sitzen. Schneller, als mir lieb ist, kommt schon wieder die mahnende Stimme des Chefs: „Manda und Mandarinen – wir müssen weiter!“ Echt jetzt? Auf der Sitzbank in der Bauernstube war es gerade so gemütlich – aber ein braver Lehrling gehorcht und streift sich wieder die Musikjacke über und setzt den Hut auf. Wir bedanken uns für die Gastfreundschaft und verabschieden uns musikalisch. Kaum im Auto, schon wieder der Hinweis auf den Zeitplan, hier ist die Fahrtstrecke ist etwas weiter.
Angekommen bei der Dorfkapelle im nächsten Ortsteil und punktgenau um 12.30 Uhr erklingt abermals „Fröhliche Weihnacht überall“ – noch vor dem Ende des Stücks kommen viele Menschen auf uns zu und freuen sich, dass wir da sind. Hier sind auch viele Kinder dabei und ich frage nach, ob das Christkind Briefe bekommen und auch abgeholt hat. Natürlich, auf das Christkind ist Verlass! Die Wünsche sind auch nicht ohne: Pony, Katze, Puppe, die man baden kann, und die dazu passende Badewanne, Merklin-Eisenbahn. Ich frage nach, ob das Christkind das alles tragen kann – was für eine Frage – selbstverständlich kann das Christkind das! Doch ich höre schon wieder die mahnende Stimme: „Hör auf zu Tratschen – wir spielen weiter!“ Jawohl, nicht tratschen – wir sind da, um zu musizieren. Keine 20 Minuten später müssen wir uns schon wieder verabschieden. Hände schütteln, frohe Weihnachten wünschen und es geht weiter zur nächsten Station.
Fein, wir sind pünktlich spielbereit um 13.00 Uhr bei Station acht vor dem sogenannten „Pucher-Kreuz“ und beginnen dieses Mal mit „Oh Du Fröhliche“. Auch eine weihnachtlich gestimmte Miezekatze streift uns um die Beine, kann also nicht Katzenjammer sein, was musikalisch von uns zu hören ist.
Die Menschen sind wirklich alle weihnachtlich gestimmt und fröhlich. Schade eigentlich, dass dieses Weihnachtsgefühl sich bei vielen Menschen erst so spät bemerkbar macht. Uns hingegen treibt schon wieder der unbarmherzige Zeitplan, aber man verspricht mir eine herzliche nächste Station. Wir fahren durch den Wald. Diesmal bin ich es die lacht – ein schneller Stopp am Waldesrand ist bei den männlichen Kollegen schon aus den Jahren davor bekannt.
Oha, ja bei dieser Station sind wirklich viele Menschen, welche auf uns mit dampfenden Teetassen und fröhlichen Gesichtern warten. „Die Neue“ im Bläserquartett wird sofort bemerkt, aber sehr herzlich willkommen geheißen. Nach einigen Stücken teilen wir wieder die Texte aus – und wirklich, mit großer Freude singen wirklich alle (!) mit uns mit. Hier verkündet unser Chef auch einen musikalischen Höhepunkt – erstmals am heutigen Tag spielen wir das Weihnachtslied schlechthin „Stille Nacht, heilige Nacht“ – die Freude ist groß und wir legen all unseren musikalisch Ausdruck in dieses Stück. Ja, es klingt schön, aber trotz allem denke ich mir: Ich fühle noch zu wenig Weihnachten, oder doch?
Station zehn des heutigen großen Weihnachtstages, eine kleine Station, wo uns gerade mal eine Familie erwartet. Familiäre Weihnachtsbesuche, aber leider auch ein Todesfall bescheren uns hier eine kleine, aber feine Weihnachtsstimmung. Der Verlauf von Leben und Tod ist auch zu Weihnachten im Leben präsent – auch wenn wir heute Abend die Geburt Jesu Christi feiern und der Engel uns verspricht: „Fürchtet euch nicht!“ Oh nein, wir fürchten uns nicht – wir liegen gut im Zeitplan und schon geht es weiter zur nächsten Wegkreuzung und somit zu unserer Station elf. Schön, wenn so viele fröhliche und weihnachtlich gestimmte Menschen deinen Weg kreuzen und dich durch den Tag begleiten.
Einige Straßen weiter ist unsere Station zwölf und mittlerweile haben wir 15.30 Uhr – wir sind pünktlich auf die Minute! Sehr brav, Leute! Auch hier beginnen wir mit „Fröhliche Weihnacht überall“ – lustigerweise sind in Nachbars Garten Laufenten, welche nicht so ganz musikalisch mit uns mitquaken. Spätestens nach „Es wird scho glei dumpa“ und dem begeisterten Gesang unserer Zuhörer gibt es kein Quaken mehr, also haben wir offenbar auch die Laufenten weihnachtlich friedlich gestimmt.
Auf dem Weg zur letzten Station Nummer 13 beginnt mein Kollege am Tenorhorn zu gähnen – ich schließe mich unaufgefordert an. Wirklich anstrengend so ein Musiker-Weihnachtstag. Die letzte Station ist ein schönes, altes Herrenhaus. Dem musikalischen Gruß „Fröhliche Weihnacht überall“ schließen wir gerne unsere persönlichen Weihnachtswünsche an. Die Dame in der Runde wird begutachtet und gefragt, wo ich den herkomme und wie lange ich denn schon bei der Trachtenkapelle wäre. Von draußt vom Walde komm ich her, ich muss euch sagen, es weihnachtet sehr – so war das doch oder? Ich werde herzlich willkommen geheißen und wir bekommen ein Kompliment für unser musikalisches Zusammenspiel.
Tatsächlich sind die Stimmung und Intonation noch immer sehr gut.
Gegen 17.00 Uhr treten wir die Heimreise an – doch wir verabschieden uns nur für kurze Zeit. Jeder hastet nach Hause zu seiner Familie, um noch einigermaßen rechtzeitig zur Bescherung bzw. zum Weihnachtsessen zu Hause zu sein. „Driving home for Christmas“ wird lustigerweise gerade im Radio gespielt.
Nun habe ich – gleich wie meine Kollegen etwa 3 Stunden zu Hause bei der Familie – Halleluja 20.00 Uhr – ich muss mich wieder in meine „Michelinmännchenkleidung“ stopfen und auf geht es zur Kirche, schließlich wollen wir die Mettengeher musikalisch am Ende der Kirchstiege begrüßen. Der Herr Pfarrer freut sich, dass wir da sind und wünscht uns frohe Weihnachten. Punkt 21.00 Uhr beginnt die Christmette und wir hören aufmerksam dem Weihnachtsevangelium und der Predigt des Priesters zu. Kurz vor dem Schlusssegen schnell wieder hinaus – die finale Weihnachtsliederrunde kann beginnen.
Die Landjugend ist gut drauf und hat im Freien Glühwein für die Mettenbesucher bereitgestellt.
Wir haben nun die letztmalige Chance am heutigen Tag unser ganzes Repertoire an Weihnachtsliedern zum Besten zu geben. Dazwischen wünscht man sich immer wieder „Frohe Weihnachten“ und einfach jeder hier am Kirchplatz ist in herrlicher Weihnachtsstimmung!
Gegen 23.00 Uhr spielen wir unser letztes Stück „Stille Nacht, heilige Nacht“ – Wärme, Dankbarkeit, Zufriedenheit und Glück machen sich in mir sehr breit und füllen mich aus!


JA, ich habe mein Weihnachtsgefühl gefunden – einfach wunderbar! Frohe Weihnachten!

Daniela Krisper